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Interview in der Hildesheimerstr. 53.

Nina Diel: Wie habt ihr von der Agentur für kreative ZwischenRaumNutzung erfahren?
Lisa Bartelt: Ich glaube ihr habt einen Vortrag an unserer Hochschule gehalten und Helene und ich waren dort. Wir wollten eigentlich zu einem anderen Vortrag und haben dann euren aufgebauten Stand im Atrium entdeckt.

N.D: Was war denn der eigentliche Vortrag?
Wissen wir nicht mehr. Wir wollten den zwar unbedingt hören aber dann war es bei euch so angenehm, dass wir geblieben sind und uns für den Newsletter angemeldet haben. Also reiner Zufall eigentlich. Irgendwann haben wir bei Facebook einen Post gelesen, dass hier in der Hildesheimer Straße etwas frei ist, haben ganz schnell geschrieben und konnten dann ziemlich bald diesen tollen Raum beziehen.

N.D: Warum habt ihr einen Raum für euch gesucht?Raum HIldesheimerstr
Natalia Löwen: Zu Hause mangelt es immer an Platz. Es ist super schwierig in einem WG Zimmer zu arbeiten, das sowieso schon vollgeladen ist. Wir brauchen sehr viel Platz, um überhaupt erst Schnitte für unsere Arbeit anfertigen zu können.
L.B: Sonst müsste man immer erst Sachen an die Wand verschieben, den großen Tisch möglichst mittig aufstellen und am Ende wieder aufräumen.
Helene Bierstedt: In der Arbeitsatmosphäre kann man ja auch nicht leben. Deshalb fällt es mir sehr schwer eine Arbeitsatmosphäre in meinem Rückzugsort zu schaffen, also einen produktiven kreativen Prozess.
L.B: Die Produktivität leidet wirklich sehr darunter, wenn man vom Bett aus auf die Nähmaschine guckt.
N.L: Deshalb ist eine räumliche Trennung so wichtig. Ein Ort, wo man hinfahren und es als Arbeitsplatz sehen kann.

N.D: Was macht ihr?
Wir sind alle Modedesignerinnen und haben uns in unserem Bachelor mit nachhaltigen Produktionsmöglichkeiten von Kleidung auseinandergesetzt oder einer wertigen, wertschätzenden Nutzung von Kleidung. Zusammengefasst unter dem Thema: Wie kann man Kleidung nachhaltiger gestalten, faire Produktionsbedingungen schaffen und vor allem auch Bewusstsein bei den Kunden dafür schüren, dass es so etwas gibt.
H.B: Themen sind Zero Waste, Upcycling und eben auch wie Verbraucherinnen und Verbraucher in Designprozesse integriert werden können, um dadurch die Wertschätzung für Kleidung wieder zu stärken.

N.D: Wie geht das?
H.B: Meiner Meinung nach, indem der Kunde oder die Kundin erst einmal das Produkt wieder als ein solches wahrnimmt. Also dass es wirklich ein Produkt ist, in dem ein Handwerk steckt, unendlich viel Handarbeit ist, unendlich lange dauert und es dafür unendlich viele Ressourcen bedarf. Eben, dass es nicht so ein Teil ist, das auf dem Bügel hängt, wovon es Tausende gibt. Einfach das der Weg zum Produkt gesehen wird. Das geht meiner Meinung nach, indem Leute sich selbst etwas machen.DSC 0207

These H.B.: „Konsum ist etwas um sich zu beschäftigen. Wenn man selbst etwas macht, muss man es nicht kaufen und kann sich beschäftigen.

L.B: Man bekommt dadurch einfach einen ganz anderen Blick dafür, wie viel Arbeit eigentlich in einem Kleidungsstück steckt. Ich gab einen Kurs, wo Menschen 7 oder 8 Stunden an einem Pullover genäht haben und fragte im Anschluss, wie sie ihre anderen Pullover in letzter Zeit behandelt haben oder das ganze Leben lang vorher.
Man lernt es einfach wieder schätzen, wenn man den Schnitt herstellt, die Materialien auswählt und alles an einem Ort schafft.

N.D: Natürlich ist Selbermachen ein Prozess aber meint ihr, dass das reicht?
L.B: Natürlich nicht aber die Blickweise verändert sich einhergehend mit Informationen. Bekleidungsproduktion ist immer zu 90% Handarbeit. So viele Maschinen gibt es nicht. Der Prozess kann nicht weiter automatisiert werden bis zu dem Punkt, wo eine Näherin zwei Teile nimmt und diese aneinandernäht. Es gibt Maschinen, die die Stoffe ausschneiden, praktisch den ganzen Zuschneidungsprozess machen. Das wird heutzutage schon mit Lasern gemacht, damit man mehrere Lagen Stoff auf einmal schneiden kann aber ab dem Moment ist es eben Handarbeit und das sehen viele Menschen nicht oder hinterfragen das auch gar nicht, sondern wundern sich nur warum diese Hose anders sitzt, obwohl es das selbe Modell ist. Dafür wird unfassbar wenig Verständnis aufgebracht.
H.B: Diese Arbeit wird outgesourct und kaum wahrgenommen. Ein anderes Problem ist, dass es nicht so ist, dass es keiner weiß. Es gibt so viele Menschen, die an Umfragen teilgenommen haben und trotzdem bei H&M einkaufen und hoffen es in Zukunft nicht mehr zu tun. 

N.D: Fallen euch noch andere alternative Konzepte?
L.B: Eins der bekanntesten ist Second-Hand-Kleidung. Es gibt viele ökologische, faire Alternativen. Da bezahlt man eben faire Löhne, dadurch ist die Marge nicht höher aber die Klamotten sind etwas teurer. Ich habe lange in einem Laden hier in Hannover in der Innenstadt gearbeitet, Greenality heißt der. Dort wird nur ökologisch und fair gehandelte Mode verkauft.lisa.bartelt photo Martin Potter 1Weitere Konzepte sind Kleidertausch-Flomärkte, Kleiderkreisel, wo gekaufte Kleidung zu günstigeren Preisen angeboten wird oder die Kleiderei aus Hamburg, wo man sich Kleidung ausleihen kann. Tchibo hat ein Geschäftsmodell erstellt, bei dem Kinderkleidung gemietet werden kann, da Kinder schnell aus ihrer Kleidung herauswachsen, kann die Kleidung im Anschluss wieder zurückgeschickt und wiederverwendet werden.
Auf Fashion Weeks sieht man u.a. gefertigte Schuhe aus Stein oder Gummistiefel aus Pilzen. Also es kommt mehr und mehr durch, dass sich Marken mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen und die Nachfrage wächst

N.D: Was hat es mit dem Zelt hier auf sich?
L.B: Im meiner Bachelor Kollektion habe ich überlegt, was etwas über mich selbst aussagt und gleichzeitig ein nachhaltiges Konzept sein kann. Heraus kam das Upcycling von Zelten. Ich bin schon mein Leben lang Pfadfinderin und gehe immer Zelten, wenn ich kann. Ich dachte, das ist etwas, wo ich komplett hinter stehe und das etwas über mich aussagt. So ging es an das Sammeln von gebrauchten Zelten und das Anfertigen von Klamotten. Schnell habe ich gemerkt, dass herkömmliche Schnitte nicht geeignet sind, weil diese Stoffe keinen Elasthan-Anteil haben und im Anschluss mein eigenes Schnittsystem entwickelt. Basierend auf der „Kinetic Garment Construction“ von Rickard Lindqvist entstand die Idee von den bekannten Nahtführungen abzulassen und diese als Gestaltungselement zu nutzen.DSC 0213Die „Kinetic Garment Construction“ orientiert sich an biomechanischen Punkten und Richtungen, die von Bewegungen vorgegeben werden. Der Stoff wird diesen Richtungen folgend und von den Punkten ausgehend um den Körper herum drapiert. So entstehen Nahtführungen die sich um den Körper und die Gliedmaßen drehen. Die Bewegung die von den biomechanischen Punkten ausgeht ist dabei entscheidend und gibt die Richtung vor. Diese Schnitttechnik soll den Körper in seinen Bewegungen unterstützen und ihn nicht einengen.Ich bin gerade noch ein bisschen dabei einen Weg zu finden, wie ich das an alle Menschen anwenden kann aber es gibt noch keine mathematischen Formeln dafür, um das zu gradieren. Das wird der nächste Schritt, der interessant für mich sein wird.

N.D: Wie kam es zu diesen Stickereien auf der Kleidung?

 DSC1699Sarah Kuba: Es handelt sich um die Weiterentwicklung meiner Bachelor Arbeit. Ziel ist eine gute Basis an Zero Waste Schnitten zu erstellen, an denen man wieder aktiver und einfacher an das Design gehen kann. Zero Waste bedeutet bei der Produktion von Kleidung keinen Verschnitt zu verursachen. In der herkömmlichen Schnittkonstruktion achtet man zwar schon darauf, dass man Material schonend zuschneidet, trotzdem entsteht immer noch sehr viel Abfall. Wenn man sich das über ein Jahr verteilt in der Bekleidungsindustrie ausrechnet sind es bis zu 60 Billionen Quadratmeter an Verschnitt der entsteht und das gilt nur für den Zuschnitt. Wenn man sich dann anguckt, wie lange es dauert gewisse Materialien wieder abzubauen, kann man sich vielleicht das ungefähre Ausmaß vorstellen. Seit vielen Jahren beschäftigen sich Designer_innen mit diesem Thema und im Zuge des Forschungsprojektes Slow Fashion der Hochschule Hannover, habe ich Feuer gefangen. Was mich allerdings gestört hat, war die Ästhetik der meisten Zero Waste Designer_innen. die Schnitte waren oftmals sehr weit und kimonoartig. Ich wollte mehr an die herkömmliche Silhouette anknüpfen, um von vornherein eine breitere Masse anzusprechen und Lösungen für die Industrie – also große Modehäuser, die konventionelle Mode herstellen – zu finden und dadurch einen großen Marktanteil und mehr Menschen zu erreichen. Das spart eben mehr ein!Unbenannt besagte Bluse zieren meine ganzen Notizen, die während der Anprobe entstehen. Zu aller erst wird das Probeteil vom Menschen anprobiert, um zu sehen, wie die Passform ist. Darauf basierend wird es nochmals überarbeitet. Die Anmerkung und Notizen, die ich während des Fittings gemacht habe, wurden dann digitalisiert und auf die Bluse aufgestickt, sodass das Probeteil einmal passformgenau auf den Körper abgeformt wurde. Dadurch möchte ich verdeutlichen, dass so ein Teil mehrere Arbeitsschritte durchläuft und nicht einfach aus dem Computer oder dem 3D Drucker herausfällt. Ich habe praktisch die Arbeitsprozesse nach außen gestülpt und sie sichtbar gemacht.

N.D: Was hat sich in den letzten zwei Monaten für euch verändert?
H.B: Ich habe meine Entscheidung Modedesign studiert zu haben hinterfragt und ob ich überhaupt Kleidung machen will. Insofern war es sehr sehr gut.
L.B: Mir ist es sehr wichtig diesen Raum zu haben, um Sachen auszuprobieren.
N.L: Ich weiß auf jeden Fall, dass ich das richtige studiert habe. Allerdings bin ich noch nicht bereit für die Selbstständigkeit. Meine Richtung ist die Couture. Ich arbeite sehr viel mit der Hand, drapiere und nähe mit der Hand an der Puppe. Ich überlege mir neue Oberflächen z.B. mit Wolle geknüpft, verwende möglichst hochwertige Materialien, achte auf die Passform und eine gute Verarbeitung, damit das Ganze eben auch lange hält und man den Wert des Kleidungsstücks schätzt. Bestmöglich könnte man es dadurch über mehrere Generationen weiterreichen.DSC 0215H.B: Wir saßen eines Abends zusammen und uns viel auf, dass Menschen an dem Ladengeschäft vorbeigehen, sich unterhalten, gucken. Deswegen haben wir rumgesponnen und über eine Art wanderndes, offenes Lab nachgedacht. Unsere Idee lässt Menschen uns bei der Arbeit zusehen. Die Tür offenstehend, kann man gucken, um die zuvor erwähnte Verbindung zur Herstellung von Kleidung wiederzugewinnen.
S.K: Vor ein paar Tagen war hier eine Frau mit ihrem Ehemann und ich hatte die Tür ein wenig offen. Sie hat sich hineingetraut und sehr dafür interessiert, was wir machen und sich gefragt, ob wir einen neuen Laden eröffnen. Nach einem längeren Gespräch meinte sie, dass das eine große Bereicherung für die Südstadt ist, weil hier eben so viel leer steht und man so wenig kreative Angebote hat. Es geht ganz vielen so habe ich den Eindruck. Viele trauen sich eben auch nicht oder gucken dann ganz beschämt zur Seite, wenn man zurückguckt. Häufig war ich eben auch zu spät, um die beiden Schlösser an der Vordertür aufzuschließen und den Leuten hinterherzulaufen.

N.D: Was bedeutet die Agentur für euch?
LgurrlzB: Ohne die Agentur hätten wir überhaupt nicht die Möglichkeit an Räume zu denken, weil schlicht und ergreifend das Geld fehlt. Wir kommen alle aus dem Studium, haben immense Schulden und immense Nebenjobs gleichzeitig. Durch euch haben wir einfach die Möglichkeit, diesen riesigen Raum zu beleben und das ist einfach nur super.
S.K: Und vor allen Dingen auch die Arbeit weiterführen zu können, da für uns die Uni-Räume und Werkstätten entfallen sind. So ein Projekt ist meistens nicht damit getan, dass man den Bachelor gemacht hat, sondern ein stetiger Prozess.

N.D: Was würdet ihr euch für die Zukunft von Hannover oder der Agentur wünschen?
In Bezug auf Räume und Möglichkeiten kreativ zu sein, was fehlt euch?
L.B: Öffentliche Werkstätten für alle Menschen die kreativ tätig sind und eine Anlaufstelle wo man hinkommen und sich austauschen kann.
S.K: Wenn man sich ansieht, was hier einfach für eine Gruppendynamik entstehen kann. Von mir sind ganz viele Freunde einfach abends vorbeigekommen, weil sie diese Atmosphäre hier so toll fanden. eine Freundin hat hier geschrieben, weil sie ein Buch veröffentlichen möchte. Deshalb steht die Palette mit dem kleinen Tisch da auch, wo „Besucher Platz“ draufsteht. Jeder/jede kann vorkommen und selber ein bisschen, stricken, schreiben und inspirieren lassen. Ich habe einfach gemerkt, dass dieser Freiraum ganz vielen Menschen die Möglichkeit gibt sich zu entfalten, auch jenen, die gar nicht aus der Kreativbranche kommen, sondern einfach hier vorbeischauen, sich ausprobieren und dabei etwas sehr Bereicherndes gewonnen haben. Dieser Ansatz sollte in der heutigen Zeit viel mehr verfolgt werden. Man sollte den Menschen Platz für sowas geben.

Vielen Dank an Lisa, Natalia, Helene und Sarah.

 

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